Bevölkerungsentwicklung vor der Wende

Dr. Heiko H. Stutzke

August 2021

8-2021

 

 

Alles voller Menschen. Wer einen Blick auf die Entwicklung der Weltbevölkerung wirft, wird schnell diesen Eindruck gewinnen. Innerhalb von nur 50 Jahren hat sich die Anzahl der Menschen auf der Welt mehr als verdoppelt, und im Jahr 2020 waren wir schon ungefähr 7,8 Milliarden.

Inzwischen haben wir uns über den ganzen Planeten ausgebreitet. Selbst unwirtliche Regionen halten uns nicht auf, wenn es darum geht, Rohstoffe und Energie zu gewinnen.

 

Damit üben wir einen enormen Druck auf die natürliche Umwelt aus. Im Jahr 2021 hatten wir schon am 29. Juli, dem „Earth Overshoot Day“, alle Ressourcen verbraucht, die unser Planet regenerieren kann. An jedem weiteren Tag verbrauchen wir unwiederbringlich die Reserven und leben über unsere Verhältnisse.

 

Aber so bleibt es nicht. Schon in wenigen Jahrzehnten wird die Weltbevölkerung beginnen zu schrumpfen. Und zwar für einen langen Zeitraum.

 

Auch wenn es bis dahin noch etwas dauert, hat der Prozess in vielen Regionen bereits begonnen. Das hat durchaus dramatische Konsequenzen – für unsere Wirtschaft, für unseren Wohlstand und für unser Zusammenleben. Aber es eröffnet auch Chancen.

Jetzt ist die Zeit, geeignete Strategien zu entwickeln.

 

 

Bevölkerungswachstum ohne Ende?

 

In unserem kollektiven Bewusstsein ist seit langem verankert, dass die Weltbevölkerung immer weiter wächst. Es gibt heute zahlreiche Faktoren, die das Bevölkerungswachstum begünstigen. Hierzu zählen insbesondere leichter verfügbare Nahrung und eine bessere medizinische Versorgung, Wirtschaftswachstum und die Verfügbarkeit von Arbeitsplätzen und Wohnraum. Der Bedarf an Wohnraum ist hoch, und viele Städte werden zu Metropolregionen, die sich weit ins Umland erstrecken.

 

Daher erscheint es zunächst paradox, davon auszugehen, dass das Wachstum enden und sich ins Gegenteil umkehren könnte.

 

Aber genauso ist es.

 

 

Soziale Entwicklung versus Geburtenrate

 

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich nämlich, dass wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen, die Gleichstellung der Geschlechter, Bildung und medizinische Versorgung (Verhütung) an vielen Orten nicht nur zu besseren Lebensbedingungen führen. Sie bewirken als Sekundäreffekt und mit zeitlicher Verzögerung auch ein Umdenken bei der Familienplanung. Wo es früher als schlichte Notwendigkeit angesehen wurde, den Fortbestand und das Wohlergehen der Familie durch viele Kinder zu sichern, sind heute oft persönliche und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten und materieller Wohlstand das Maß der Dinge.

 

Eine zentrale Rolle dabei spielt die Erkenntnis, dass eine möglichst gute und umfassende Ausbildung der eigenen Kinder extrem wichtig ist, um einen besseren Platz in der Welt zu finden. In den meisten Regionen der Welt ist eine qualitativ hochwertige Ausbildung aber sehr teuer und veranlasst Eltern dazu, sich für weniger Kinder zu entscheiden oder sogar ganz darauf zu verzichten. Die Entscheidung, statt fünf bis 10 nur noch maximal ein oder zwei Kinder aufzuziehen, ist also die logische Konsequenz der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung.

 

Für die Messung der sich daraus ergebenden Entwicklung in einem Land oder einer Region ist eine Kennzahl von besonderer Bedeutung: Die Fertilitäts- oder Reproduktionsrate der Bevölkerung. In Europa müsste jede Frau statistisch 2,1 Kinder bekommen, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten, also die natürlichen Abgänge auszugleichen (Migration nicht berücksichtigt). Diese Zahl wird inzwischen nicht mehr erreicht.

 

Mit einem zeitlichen Vorlauf von etwa einer Generation wird so der Bevölkerungsdruck insgesamt geringer. Heute lässt sich eine plausible Korrelation zwischen dem Grad der wirtschaftlich-technologischen Entwicklung eines Landes und der Geburtenrate herstellen. Grob gesagt, ist die Geburtenrate umso geringer, je höher das Land entwickelt ist.

 

Die Rolle der SDGs

Dabei spielt auch die Umsetzung der 17 Nachhaltigkeitszeile der Vereinten Nationen (die „SDGs“) eine große Rolle für Bewusstseinsänderungen und den Wandel bisheriger kultureller Werte. Insbesondere die Ziele Gesundheit und Wohlergehen (SDG 3), Hochwertige Bildung (SDG 4), Geschlechtergleichheit (SDG 5) und Weniger Ungleichheiten (SDG 10) eröffnen neben Verbesserungen der persönlichen wirtschaftlichen Situation Perspektiven, die zu anderen Prioritäten führen als der Sicherheit einer großen Familie.

 

Im Ergebnis wird das Wachstum der Weltbevölkerung in absehbarer Zeit aufhören. Danach wird für lange Zeit ein Schrumpfungsprozess einsetzen, der irgendwann zu einem neuen Gleichgewicht führt.

 

 

Wie ist der aktuelle Stand?

 

Nicht nur in Deutschland, sondern fast überall auf der Welt steigt das Durchschnittsalter der Bevölkerung. Diese Entwicklung kommt zustande, weil nach den geburtenstarken Jahrgängen der Sechziger- und Siebzigerjahre inzwischen deutlich weniger Kinder geboren werden.

 

Heute sind es nur noch einige afrikanische Staaten südlich der Sahara, die noch immer Geburtenraten von vier oder fünf Kindern pro Familie verzeichnen. Auch das ist aber deutlich weniger als früher.

 

In Deutschland lag die Reproduktionsrate der Bevölkerung im Jahr 2019 bei 1,54[1], in Staaten wie den USA, Australien oder Kanada zwischen 1,5 und 2,0. Es gibt also mehr Sterbefälle als Geburten. Je kleiner die Reproduktionsrate wird, desto weniger kann Zuwanderung den Bevölkerungsschwund aufhalten.

 

Ein Beispiel: Im Jahr 2020 gab es in Deutschland 5,82 Mio. Menschen im Alter von 60 bis 64 Jahren, in der Gruppe der 15- bis 19-Jährigen nur 3,86 Mio. Menschen - also ziemlich genau zwei Drittel der Älteren. Beim Vergleich der jüngeren Altersgruppen mit den älteren ist festzustellen, dass teilweise kaum mehr als die Hälfte jüngerer Menschen als neue Generation nachwächst.

 

Auch wenn in Deutschland die Bevölkerungszahl augenblicklich durch Zuwanderung weitgehend stabil ist, machen sich die Auswirkungen dieses Trends bereits bemerkbar: Während Städte und Metropolregionen wachsen oder zahlenmäßig gleichbleiben, dünnt die Bevölkerung in ländlichen Gebieten aus. Für die verbleibenden, zumeist älteren Bewohner wird es dadurch schwierig: Die Infrastruktur wird immer mehr reduziert, und Gegenmaßnahmen haben es schwer, eine ausreichende Wirkung zu erzielen.

 

 

Wie geht es weiter?

 

Wenn es weniger Erwachsene im richtigen Alter für die Gründung einer Familie gibt, gibt es auch weniger Frauen, die Kinder bekommen. Damit entsteht das Problem, dass diese Frauen überproportional viele Kinder bekommen müssten (deutlich oberhalb der Reproduktionsrate von 2,1), nur um die Bevölkerungszahl aufrechtzuerhalten. Das Gegenteil ist jedoch der Fall und beschleunigt sogar die Abwärtsentwicklung.

Global betrachtet, macht sich der Trend in Richtung einer langfristig schrumpfenden Bevölkerung „asymmetrisch“ bemerkbar. In allen westlichen und wirtschaftlich-technologisch hochentwickelten Ländern liegt die Reproduktionsrate bereits unterhalb des Stabilitätsniveaus von 2,1. Das bedeutet, die Schrumpfung der Bevölkerung hat bereits eingesetzt.

 

Förderprogramme für Familien laufen fast überall ins Leere, da sich die Einstellung zur Anzahl der Kinder in vielen Gesellschaften bereits dauerhaft verändert hat.

Statistiker sagen beispielweise voraus, dass sich die Bevölkerungszahl in China bis zur Jahrhundertwende (2100) ungefähr halbieren wird.[2] Dies bedeutet einen Bevölkerungsrückgang um ca. 700 Millionen Menschen. Weltweit gesehen, wird die Bevölkerungszahl voraussichtlich noch ca. 15 – 20 Jahre weiter wachsen, bevor der Höchststand überschritten wird und der Schrumpfungsprozess einsetzt. Hierfür wurden diverse Szenarien entwickelt, welche die Einflussfaktoren unterschiedlich bewerten.[3]

 

Zurzeit macht sich die Entwicklung in unserem Alltag nur an wenigen Stellen bemerkbar. Ursache hierfür ist, dass die geringere Zahl nachwachsender Kinder zunächst aus dem Kleinkind- ins Schulalter kommen muss und dann Plätze in Schulen nachfragt. Erst mit dem Eintritt ins Erwerbsalter werden die Auswirkungen voll durchschlagen.

 

Das bedeutet jedoch nicht, dass noch viel Zeit ist, um strategische Maßnahmen zu entwickeln und zu starten.

 

Bund, Städte und Gemeinden sind gut beraten, jetzt strategische Überlegungen anzustellen, wie sie mit der entstehenden Situation umgehen wollen. Nach dem aktuellen Stand der Erkenntnisse steht fest, dass für lange Zeit ein (weltweiter) Bevölkerungsrückgang eintreten wird. Auch wenn regional möglicherweise andere Entwicklungen entstehen, bedeutet das enorme Herausforderungen für unser Zusammenleben und unsere gesamte Wirtschaft:

 

  • Heute ist es der Fachkräftemangel, der als erste Konsequenz deutlich sichtbar geworden ist. Er ist ein sehr guter, der weiteren Entwicklung vorauslaufender Indikator, da der Bevölkerungsrückgang erst mit deutlicher zeitlicher Verzögerung erkennbar wird.
  • Sterbende Dörfer in Deutschland sind ebenfalls nur die Spitze des Eisbergs, und nach dem aktuellen Stand wird die Entwicklung für lange Zeit unumkehrbar sein. Deswegen ist es wichtig, sich schon heute strategisch mit den entstehenden Herausforderungen zu beschäftigen.
  • Die Rentenkassen werden gefordert, neue Lösungen zu finden. Die abnehmende Zahl von Beitragszahlern wird schlicht nicht in der Lage sein, die große Anzahl von Rentnern aus geburtenstärkeren Jahrgängen zu finanzieren. Bereits heute schießt der Bund jährlich Milliardenbeträge zur Rentenversicherung hinzu, um die Renten auf dem heutigen Niveau zu halten.
  • Verwaltungseinheiten, Schulen und andere Institutionen müssen zusammengelegt werden, um weiter betrieben werden zu können.
  • Die Rückzahlung von Staatsschulden wird schwierig, da die Wirtschaftsleistung voraussichtlich mit der zurückgehenden Nachfrage abnimmt. Das Gespenst der „Gesteuerten Inflation“ zum Abschmelzen der Staatsschulden erscheint am Horizont.
  • Viele Strukturen, die wir heute haben, werden in diesem Umfang nicht aufrechtzuerhalten sein.

 

Die Herausforderungen werden unumkehrbar bereits in wenigen Jahren eintreten. Es wird künftig nicht mehr um weiteres Wirtschaftswachstum gehen, sondern darum, intelligent mit der Schrumpfung umzugehen. Daraus entstehen aber Chancen:

 

  • Umwelt- und Naturschutz wird leichter, wenn der Bevölkerungsdruck abnimmt. Klimaneutralität kann schneller erreicht werden, und unser Planet kommt wieder ins Gleichgewicht.
  • Der Ressourcen- und Energiebedarf geht zurück. Die Umstellung zu einer echten Kreislaufwirtschaft wird erleichtert, und viele Transporte entfallen.
  • Die Ernährung der (Welt-)Bevölkerung wird leichter. Weniger Flächen werden benötigt, und der Umfang der Tierhaltung kann deutlich zurückgefahren werden.
  • Die Zersiedelung der Landschaft kann zurückgedreht werden. Der Rückbau nicht mehr benötigter Infrastruktur schafft Arbeitsplätze und danach Raum für die Natur. Gleichzeitig muss Infrastruktur an die neuen Gegebenheiten angepasst werden. Das bietet Raum für Modernisierungen und ganz neue Lösungen.
  • Durch eine intelligente Anpassung des Bildungssystems kann individuelle Förderung zu besseren Möglichkeiten führen.
  • Die Umsetzung der SDGs ist leichter zu erreichen und macht das Leben auf der Erde für alle Menschen besser. Konflikte werden weniger.

 

Darüber hinaus entstehen sicher auch disruptive Innovationen, die Herausforderungen ganz anders angehen und das Potenzial haben, unseren Alltag zu verändern. Voraussetzung ist aber, dass Politik und Gesellschaft offen sind für die Veränderungen und die Lösungen, die daraus entstehen.

 

Grund genug, bereits heute eine gute Strategie entwickeln. Wir sind auf jeden Fall dabei!

 

 

Über den Autor

 

Dr. Heiko H. Stutzke ist Diplom-Ökonom und Geschäftsführender Gesellschafter des Strategiebüro Nord.

 

Das Strategiebüro Nord arbeitet für Unternehmen und Organisationen im privaten, sozialen und öffentlichen Bereich, für Gründer und für Firmen am Anfang ihrer Entwicklung.

 

Dabei geht es um individuelle Fragestellungen, die sich oft aus den Trends unserer Zeit ergeben. Hierfür entwickeln wir lösungsoffen und teamorientiert strategische Konzepte, die langfristig den Erfolg sichern.

 

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