Ein Nachhaltigkeitslabel für alle Produkte

Dr. Heiko H. Stutzke und Wiebke Brüssel

Februar 2021

 

Aus Gründen der Lesbarkeit verwenden wir nicht durchgängig eine geschlechtsneutrale Formulierung. Es sind jedoch immer alle Geschlechter angesprochen.

 

27 – 30 – 55 – 17. Das ist die kürzeste Zusammenfassung der Nachhaltigkeitsbestrebungen der Europäischen Union im Jahr 2021: Die 27 EU-Staaten wollen bis 2030 die CO2-Emissionen um 55 % senken und die 17 Ziele der Vereinten Nationen für eine bessere Welt erfolgreich umsetzen.

 

Die Realität ist jedoch eher ernüchternd.

Wenn man sich als Unternehmer oder Konsument heute wirklich nachhaltig und im Sinne der oben genannten Ziele orientieren und verhalten will, hat man ein Problem: Nahezu kein Produkt bringt Informationen mit, ob für Rohstoffgewinnung oder Anbauflächen Natur vernichtet wurde, ob der Hersteller unter menschenwürdigen Bedingungen arbeiten konnte und fair bezahlt wurde, wie hoch der CO2-Verbrauch beim Transport war oder wie es am Ende der Lebensdauer des Produktes weitergeht. Eine Entscheidung für oder gegen ein Produkt unter dem Gesichtspunkt Nachhaltigkeit ist praktisch nicht möglich.

 

Damit fehlt eine zentrale Voraussetzung auf dem Weg zu weltweiter Nachhaltigkeit, Realisierung der SDG-Ziele und Klimaneutralität.

 

Es reicht nicht, fossile Kraftwerke stillzulegen, eine CO2-Steuer zu erheben und in der Region nachhaltig angebaute Produkte zu fördern. Investoren und Konsumenten müssen viel stärker als bisher eingebunden werden, um weitere Fortschritte zu erreichen. Das funktioniert nur, wenn die Auswirkungen des eigenen Handelns auf Nachhaltigkeit, SDG-Ziele und Klimaschutz durch verlässliche Informationen direkt erkennbar werden und damit eine zuverlässige Entscheidungsgrundlage für den Erwerb eines Produktes liefern.

 

Wir schlagen daher vor, künftig jedes Produkt mit einem „Nachhaltigkeitslabel“ zu versehen, das einfach aufgebaut ist und sich an bereits bekannten Mustern orientiert.

 

Damit können die folgenden Wirkungen erzielt werden:

 

1

 

Investoren und Konsumenten werden bei jeder Entscheidung für die Beschaffung eines Produktes leicht verständlich über die Auswirkungen auf Nachhaltigkeit, SDG-Ziele und Klimaschutz informiert.

 

 

 

2

 

Das Erreichen von Nachhaltigkeits-, SDG- und Klimazielen wird gefördert. Es werden auch Konsumenten angesprochen und einbezogen, die sich bisher nicht aktiv mit Nachhaltigkeit beschäftigt haben. „Greenwashing“ wird unterbunden, denn negative Aspekte können nicht verdeckt werden.

 

 

 

3

 

Unternehmen erhalten über das Produktlabel direkte Anreize, Produktportfolien zugunsten von mehr Nachhaltigkeit, Unterstützung der SDGs und Klimaschutz zu verändern. Dabei spielt der Wettbewerb eine große Rolle: Wer seine Produkte nicht anpasst, verliert unter Umständen Kunden an nachhaltigere Wettbewerber. Ein positives Label wird zum Vorteil.

 

 

 

4

 

Der Staat hat die Möglichkeit, analog heutiger Abgaben (EEG, CO2, …) über die Beurteilungen Instrumente zu nutzen, um zum Beispiel Produkte proportional zu verteuern, die Mindestanforderungen an Nachhaltigkeit, SDG-Ziele und Klimaschutz nicht erfüllen. Gleichermaßen könnte der Zugang zum europäischen Markt erleichtert oder erschwert werden.

 

 

   

 

Hintergrund

 

Bisher gibt es für die meisten Produkte keine leicht und allgemein zugänglichen Informationen, unter welchen Bedingungen die benötigten Rohstoffe gewonnen werden, wie sie hergestellt, transportiert, genutzt und entsorgt werden. Das kann ein Grund sein, warum zum Beispiel die SDG-Ziele in weiten Teilen der Bevölkerung komplett unbekannt sind. Auch fehlt an vielen Stellen das Bewusstsein, dass Produkte möglicherweise mit Umweltzerstörungen in anderen Teilen der Welt oder unzureichenden sozialen Bedingungen verbunden sind; den Preis für das billige Produkt zahlen dann andere. Heute gebräuchliche Label wie „Bio“ decken immer nur Teilaspekte ab.

 

Die Lösung für dieses Dilemma kann darin bestehen, direkt beim jeweiligen Produkt anzusetzen: Jedes Produkt muss eindeutige Informationen liefern, wie seine Existenz sich auf Nachhaltigkeit, SDG-Kriterien und Klimaschutz auswirkt. Das gelingt, wenn jedes Produkt in den folgenden fünf Kategorien beurteilt wird:

 

1

 

Rohstoffe (Gewinnung, Anbau, Zucht, Energie, Arbeits- und soziale Bedingungen, Bezahlung, Umweltverbrauch, Wiederherstellmöglichkeit des ursprünglichen Zustands, …).

 

 

 

2

 

Produktion (Energie, Arbeits- und soziale Bedingungen, Tierhaltung und Tierwohl, Bezahlung, Umweltverbrauch, Einsatz giftiger Substanzen, Reparaturfähigkeit, …).

 

 

 

3

 

Transport und Handel (Verkehrsmittel, Entfernung und Energie, Tierwohl, Bezahlung, Verpackung, ...).

 

 

 

4

 

Einsatz (Nutzung, Konsum, Energieverbrauch, Haltbarkeit, …).

       

5

 

Entsorgung (Rückführung in den Stoffkreislauf, nötiger Aufwand und Energiebedarf, Recyclingmöglichkeit von Produkt und Verpackung, …).

 

 

 

Diese bilden die einzelnen Stationen der Produktions-, Liefer- und Verwertungskette ab und enthalten alle Kriterien, die für die Beurteilung von Nachhaltigkeit, Umsetzung der SDGs und Klimaschutz erforderlich sind.

 

Info zum aktuellen Stand in Europa

 

Den oben genannten Anforderungen kommt das EU-Ecolabel am nächsten. Es wurde 1992 durch die EU-Verordnung EWG 880/92 eingeführt und ist eine freiwillige Produktkennzeichnung für Produkte des täglichen Bedarfs. Der Schwerpunkt liegt auf Klima- und Umweltschutz. Weitere Kriterien wie zum Beispiel Arbeits- und soziale Bedingungen werden laut unabhängigen Analysen nicht ausreichend berücksichtigt. Zudem sind die Freiwilligkeit und die Beurteilung auf der Basis von Angaben des jeweiligen Herstellers problematisch.

 

 

Umsetzung

 

In der Umsetzung kann das so aussehen:

 

1

 

Jedes Produkt durchläuft verpflichtend eine Beurteilung in den oben genannten Kategorien, bevor es auf dem jeweiligen Markt eingesetzt werden darf. Es wird nicht unterschieden zwischen Produkten aus EU- und Nicht-EU-Produktion.

 

 

 

2

 

Jede der Kategorien „Rohstoffe“, „Produktion“, „Transport und Handel“, „Einsatz“ und „Entsorgung“ wird gesondert beurteilt und in ein Scoring-Modell eingearbeitet.

 

 

 

3

 

Die Einstufung für jeder Kategorie bestimmt über den Einsatz und Umfang staatlicher Maßnahmen, die ggf. zu einer Verbilligung, Verteuerung oder (im Extremfall) dem Marktausschluss führen.

 

 

 

4

 

Die bereits gebräuchlichen, staatlich anerkannten Label (Bio-Zertifikate, Fair Trade etc.) bzw. die Ergebnisse der entsprechenden Prüfungen werden innerhalb der jeweiligen Kategorie verwendet. So wird Aufwand für zusätzliche Prüfungen gespart.

 

 

   

Zur Vereinfachung der Beurteilung kann auf bereits bestehende oder in der Planung befindliche Verfahren (Lieferkettengesetz, EEG, CO2-Abgabe, vorhandene Prozesse zur Produktzulassung) zurückgegriffen werden. Bei Bedarf ist eine Erweiterung der Prüfungsverfahren erforderlich. Auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) ist denkbar, indem ein lernendes System aufgebaut wird, das die richtigen Fragen stellt und bei unklaren Herstellerangaben Wahrscheinlichkeiten errechnet, um die korrekten Scoring-Werte für ein Produkt zu ermitteln.

 

Ein Nachhaltigkeitslabel für alle Produkte ist geeignet, sowohl innerhalb als auch außerhalb der EU einen Paradigmenwechsel einzuleiten, der das Erreichen der von der EU gesetzten Ziele für Nachhaltigkeit, Umsetzung der SDGs und Klimaschutz unmittelbar fördert und erleichtert.

 

Voraussetzung hierfür ist aber, dass die Beurteilungen und Einstufungen eines Produktes komplett lobbyfrei, unabhängig und transparent auf der Basis nachvollziehbarer Daten und Kriterien erfolgen, ebenso die regelmäßige Aktualisierung. Dabei sind die legitimen Geschäftsinteressen von Unternehmen (zum Beispiel Geschäftsgeheimnisse, geschützte Produktionsprozesse oder Materialien) zu berücksichtigen.

 

Das Nachhaltigkeitslabel würde dann alle Wirtschaftsbereiche gleichermaßen und diskriminierungsfrei betreffen und auch auf diese Weise die Akzeptanz fördern. Hierzu können auch Informationsveranstaltungen, Spots in den (Sozialen) Medien oder Flyer beitragen.

 

Der Aufbau des Labels ist simpel und ähnlich dem bekannten „Nutriscore“. Die Beurteilung erfolgt in fünf Abstufungen von A (bester) bis E (schlechtester). Jedem Wert ist eine Farbe zugeordnet (Abstufungen von A - grün bis E - rot). Ein Gesamtwert ist möglich, aber nicht zwingend notwendig. In diesem Fall würde der schlechteste Einzelwert den Gesamtwert bestimmen.

Ein Produkt könnte das Nachhaltigkeitslabel erhalten, wenn die Beurteilung bestimmte Mindestwerte erreicht. Die Variante „Sustain­able Product - Made in Europe“ könnte zu einer weltweit anerkannten Marke werden.

 


Maßnahmen zur Einführung

 

Die Einführung eines Nachhaltigkeitslabels ist eine große Herausforderung. Die unabdingbare Basis dafür ist der politische Wille. Neben gesetzgeberischen Maßnahmen ist der Aufbau administrativer Strukturen für die Prüfung und Zulassung von Produkten für den europäischen Markt erforderlich. Es darf aber nicht außer Acht gelassen werden, dass es bereits eine große Zahl von Zulassungs- und Genehmigungsverfahren gibt, die lediglich überprüft und in den Kontext des Nachhaltigkeitslabels gebracht werden müssen.

 

Bei der Einführung steht eine Reihe von Möglichkeiten zur Verfügung:

 

  • Anfänglich freiwillige Kennzeichnung der Produkte und Überprüfung, wie die Kennzeichnung auf dieser Grundlage umgesetzt wird (Vergleich zum Beispiel mit „Nutri­score“).
  • Keine Pflicht für alle EU-Staaten, sofort mitzumachen. So wird durch Verweigerer nicht der gesamte Prozess behindert. Teilnehmende erwerben aber einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Nicht-Teilnehmenden, da das Label erfolgreich als Verkaufsargument positioniert werden kann.
  • Zunächst kein Einsatz von staatlichen Steuerungsinstrumenten.
  • Sektorale Einführung, zum Beispiel Start mit dem Energie- oder Lebensmittelsektor.
  • Einführung nach Produktgruppen.
  • Auch eine „Teileinführung“ wäre denkbar, bei der zunächst nur einzelne der fünf Beurteilungskriterien gültig werden.

 

In jedem Fall muss die Gleichbehandlung aller Marktteilnehmer sichergestellt werden. Dies erleichtert Diskussions- und Abstimmungsprozesse. Es ist empfehlenswert, nicht den gesamten Prozess durch einzelne Verweigerer bremsen zu lassen.

 

Das Label soll für alle Consumer- und Business-Produkte gelten. Heute bereits gebräuchliche Label bzw. die Ergebnisse der damit verbundenen Prüfprozesse können als Basis für die einzelnen abgefragten Bereiche in die Gesamtbeurteilung eingehen.

 

 

Fazit

 

Ein Nachhaltigkeitslabel für alle Produkte und insbesondere der einheitliche Prüfprozess hinter dem Label wäre ein innovatives Element, das die Rolle der EU in der Weltwirtschaft verändern kann. Es ist zudem ein Baustein für den Einstieg in eine echte Kreislaufwirtschaft. Das Erreichen der Nachhaltigkeitsziele wird leichter, da alle Wirtschaftssubjekte bei jeder Produktentscheidung über die Auswirkungen informiert werden und ggf. Alternativen wahrnehmen können.

 

Europäische Anwender des neuen Labels können aufgrund der Größe des europäischen Marktes und ihres Einflusses in der Welt einen neuen Standard setzen, an dem sich andere Staaten und Staatengemeinschaften orientieren. Durch die staatlichen Steuerungsinstrumente bis hin zum Marktausschluss wäre es zudem geeignet, auch Staaten zu motivieren, die Nachhaltigkeit, SDG-Ziele und Klimaschutz aufgrund ihrer Führungsstrukturen bisher nicht in ausreichendem Maß unterstützen. Das Label wäre damit ein Meilenstein auf dem Weg in eine klimaneutrale, nachhaltige und gerechte Welt und könnte ein echter USP[1] für teilnehmende Staaten werden.

 

Wir bieten hiermit unsere Unterstützung an, um das Nachhaltigkeitslabel Wirklichkeit werden zu lassen.

 

[1] USP = Unique Selling Proposition = Alleinstellungsmerkmal.

 

Über die Autoren

 

Wiebke Brüssel und Dr. Heiko H. Stutzke sind Geschäftsführende Gesellschafter des Strategiebüro Nord.

 

Das Strategiebüro Nord arbeitet für Unternehmen und Organisationen im privaten und öffentlichen Bereich, für Gründer und für Firmen am Anfang ihrer Entwicklung.

 

Dabei geht es um individuelle Fragestellungen, die sich oft aus den Trends unserer Zeit ergeben. Hierfür entwickeln wir lösungsoffen und teamorientiert strategische Maßnahmen und Ziele, die langfristig den Erfolg sichern.

 

Download und Nutzungsrechte

 

Alle Rechte für unsere Beiträge und die verwendeten Bilder liegen, soweit nicht ausdrücklich anders gekennzeichnet, beim Strategiebüro Nord.

 

Wir freuen uns, wenn Sie Beiträge und Bilder für Ihre persönliche Information nutzen, sie zitieren oder verlinken. Wenn Sie unsere Beiträge oder die Bilder jedoch (ganz oder teilweise) für gewerbliche Zwecke verwenden, in elektronische Medien einstellen oder weitergeben wollen, bitten wir Sie, hierfür unsere schriftliche Genehmigung einzuholen.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Strategiebüro Nord GbR